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Hallo Polizei!

 

 

Du sagst, Du willst mein Freund, mein Helfer sein. Na, das klingt super! Da verrate ich Dir doch am besten erstmal, wie meine Freunde so drauf sind. Oder wie man so ticken sollte, um mein Freund zu sein.

Meine Freunde sind nette Leute. Sie behandeln andere mit Respekt. Sie schätzen den Menschen unabhängig von seinem Aussehen, seinem Besitz, seinem Status und seiner Lobby. Meine Freunde sind Menschen, die in der Lage sind zu denken, und dies auch gerne tun. Die sich aber nicht ausschließlich von ihrem Denken leiten lassen, sondern ihrem Gefühl vertrauen. Die keine Angst haben. Die für das einstehen, woran sie glauben.

Frage ich Dich, Polizei, warum Du tust, was Du tust, so antwortest Du stets: „Ich diene dem Gesetz. Ich verteidige das Recht.“

Ist Dir schon mal aufgefallen, Polizei, dass Du das überall sagst? Überall auf der Welt und zu jeder Zeit ist und war das Deine Antwort. Und Du, bundesdeutsche Polizei, ist das nicht ein unglaublicher Glücksfall, dass Du, ausgerechnet Du, ausgerechnet zu dieser Zeit in dieser Gesellschaft dieser, Deiner Bestimmung nachkommen darfst? Dem tollen deutschen Gesetz in dieser glorreichen Demokratie dienen und das Recht verteidigen darfst?

Ich meine, fühlten sich nicht auch schon Deine Väter und Väterväter im allerbesten Recht, wenn sie das Recht verteidigten? Und wie würdest Du das so im Nachhinein beurteilen? Ach ja, richtig – beurteilen ist ja eher nicht so Dein Ding. Aber Du hast natürlich Recht (was auch sonst?): Historische Vergleiche sind immer blöd und unzulässig.

Also vergleiche ich Dich, bundesdeutsche Polizei, mit Deinen internationalen Kollegen. Was sagst Du denn beispielsweise zu den russischen Freunden und Helfern, wenn sie homosexuelle Demonstranten niederknüppeln und dabei doch nur russisches Recht schützen? Oder den türkischen Gesetzeshütern im Gezi-Park? Oder der Polizei in – sagen wir mal – Brasilien, wenn sie die Weltmeisterschaft vor Straßenkindern schützen will? Da sagst Du mir, die Vergleiche seien unfair, weil es sich um keine „richtigen“ Demokratien handele. Na gut. Das sehen Deine Kollegen vor Ort vielleicht ganz anders, besonders wenn sie auf die Frage nach ihrem Sinn erklären: „Ich diene dem Gesetz. Ich verteidige das Recht.“

Aber gut – ich frage anders. Schauen wir doch einfach auf so richtig spitzenmäßige Demokratien:

In den USA darf man beispielsweise sonntags nicht Domino spielen. In England ist es Frauen verboten, in öffentlichen Verkehrsmitteln Schokolade zu essen. Was tust Du, Polizei, bei Zuwiderhandlung? Festnehmen? Schießen? Und in Ohio dürfen nicht mehr als fünf Frauen in einem Haus wohnen. Wird ab der sechsten Frau geräumt? Oder das Haus niedergebrannt? Oder handelt es sich hier um Rechte, die nicht geschützt werden müssen, weil sie so unsinnig sind? Wann ist ein Gesetz unsinnig, Polizei? Aber was interessiert’s Dich? Ausgerechnet hier und ausgerechnet jetzt ist ja alles in Butter. Die hiesigen Rechte und Gesetze brauchen wir ja glücklicherweise nicht zu hinterfragen. Tun wir zumindest nicht, gell? Denn wenn wir das täten, würden wir schnell bemerken, dass wir den Planeten an die Wand fahren – trotz unzähliger Umweltvorschriften. Oder dass sich die Schere zwischen arm und reich rasant vergrößert – selbst wenn sich alle an geltendes Recht halten würden.

Weißt Du, Polizei, ich habe mir meine Meinung, meine Ansichten hart erarbeitet. Ich habe ein Gefühl dafür entwickelt, was richtig und was falsch ist. Diesem Gewissen bin ich verpflichtet und danach lebe ich. Dafür halte ich meinen Kopf hin und dafür beiße ich notfalls auch in Deinen Gummiknüppel. Und Du? Du hältst zwar nicht Deinen Kopf, aber immerhin doch Deinen wohlvisierten Helm hin für das, was das Gesetzbuch Dir sagt. Was Dir Politiker sagen, die Interessen verfolgen, die sich nur selten mit denen armer und verfolgter Leute decken. Und so räumst Du Häuser für den Immobilienhai, führst rassistische Kontrollen durch, um Flüchtlinge aus der Stadt zu scheuchen, oder machst beim Castortransport Jagd auf Menschen, die ihre Region vor Verstrahlung schützen wollen. Und alles das machst Du völlig unabhängig davon, was Du, was Deine Frau oder was Deine Kinder zu dem Thema denken. Verrückt, oder? Und wenn Du dann den Pflasterstein mitten in die…

Na ja, ist ja auch egal. Weißt Du, Polizei, es gab eine Zeit, da warst Du mein großer Held. Miami Vice, Dirk Matthies, John McClane. Beim Fasching war ich der Sheriff. Und ich war stolz drauf. Und was ist davon übriggeblieben? Nichts. Nada. Niente. Wie konnte es soweit kommen? Irgendwas ist da schief gelaufen.

Deutsche Polizei, diene Du ruhig weiter dem Gesetz und schütze das Recht! Viel Spaß dabei! Aber hilf Dir erst mal selbst – dann können wir über Freundschaft reden. Und solange Du über all das nachgrübelst, überlege ich weiterhin, wie wohl der Satz mit dem Pflasterstein weitergehen könnte. Und verzichte bis auf Weiteres auf Deine Freundschaft.

Irgendwie schade, oder?